Die Barrikaden der Märzrevolution sind abgeräumt aber ihre Forderungen werden im ersten deutschen Parlament verhandelt. Zum 175jährigen Jubiläum schauen Daniel und Solveig auf Reden und Debatten in der Frankfurter Nationalversammlung.
FP11 - Erwählter Kaiser der Deutschen
30.04.2026 95 min
Nach über einem Jahr Pause kehrt „Flurfunk Paulskirche" zurück in die Sitzungen der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche – und landet mitten in einem der dramatischsten Momente der deutschen Geschichte: der Entscheidung über das Reichsoberhaupt, die Frage des Wahlrechts und am Ende die Kaiserwahl selbst.
Die drei großen Streitfragen des Frühjahrs 1849
1. Republik oder Monarchie?
Die Folge beginnt mit einer Rede des Abgeordneten Alexander Falk aus Schlesien, der die Debattenlage prägnant zusammenfasst: Republikanisches Prinzip, Partikularismus und konstitutionelle Monarchie stehen gegeneinander. Falk votiert klar für die Monarchie und macht deutlich, dass die Republik im Parlament keine Mehrheit finden wird.
Als Kontrapunkt steht die berühmte Rede Ludwig Uhlands vom 23. Januar 1849: kein Kaiserhaupt werde über Deutschland leuchten, das nicht „mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt" sei. Abgeordnete wie Friedrich Jakob Schütz aus Mainz (Teilnehmer am Frankfurter Wachensturm) appellieren an Volkssouveränität statt Fürstenherrschaft – und warnen, ein Kaiser nach dem Vorbild der französischen Julirevolution von 1830 bedeute, auf halbem Weg stehenzubleiben.
Für die Monarchie plädieren dagegen Friedrich Ludwig Jahn, Begründer des deutschen Turnens, mit einem vergnüglichen, wenn auch konfusen Auftritt – sowie Gustav Rümelin aus Nürtingen, der als einer der wenigen Süddeutschen offen für den preußischen Erbkaiser eintritt und es mit einem „Sturzbad kalten Wassers" vergleicht, an das man sich gewöhnen müsse.
2. Wer darf wählen?
Parallel zur Kaiserfrage debattiert die Versammlung das Reichswahlrecht. Konservative Juristen warnen vor der „Pöbelherrschaft" (Ochlokratie) und dem Vorbild Frankreichs, wo das allgemeine Wahlrecht den Aufstieg Napoleons III. begünstigt habe. Die Linke – etwa Karl Fucht – hält dagegen: Das vorliegende Wahlgesetz enthülle die „offizielle Lüge" des Konstitutionalismus; man wolle gar nicht mit der Mehrheit des Volkes regieren.
In erster Lesung beschließt die Versammlung mit knapper Mehrheit einen Negativkatalog: Vom Wahlrecht ausgeschlossen werden sollen u. a. Personen unter Vormundschaft, im Konkurs – und alle, die öffentliche Armenunterstützung beziehen.
3. Die erste Lesung: Knappe Abstimmungen
Am 19. Januar 1849 scheitert das Direktoriums-Modell deutlich. Der Grundsatzantrag, die Würde des Reichsoberhauptes einem regierenden deutschen Fürsten zu übertragen, passiert knapp mit 258 gegen 211 Stimmen – die Erblichkeit dieser Würde scheitert in erster Lesung noch mit 263 gegen 211 Stimmen. Eine sichere Mehrheit für das Erbkaisertum fehlt.
Der Deal, die zweite Lesung und die Kaiserwahl
Zwischen den Lesungen verhandeln Heinrich Simon (Westenthal) und Heinrich von Gagern (Casino, Reichsminister) einen Kompromiss: allgemeines Männerwahlrecht gegen Zustimmung zum Erbkaisertum mit suspensivem Veto. Zusätzlichen Druck erzeugt die Nachricht vom 4. März 1849: Fürst Schwarzenberg oktroyiert Österreich eine eigene Verfassung und besiegelt damit den Ausschluss der Habsburger aus dem künftigen deutschen Nationalstaat.
Am 27. März 1849 nimmt die Versammlung in zweiter Lesung §69 mit 279 gegen 255 und die Erblichkeit (§70) mit 267 gegen 263 Stimmen an – vier Stimmen Unterschied. Am 28. März wählen 290 abgegebene Stimmen einstimmig König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum deutschen Kaiser. 405 Abgeordnete unterzeichnen anschließend die Verfassungsurkunde auf Pergament – ein Original, das sich heute im Historischen Museum Frankfurt befindet.
Die Kaiserdeputation in Berlin – und das Nein
Eine Deputation von 32 Abgeordneten unter Eduard Simson, Präsident der Nationalversammlung, bricht am 30. März über den Rhein nach Berlin auf – bewusst auf dem langen Weg über Köln, Hannover und Braunschweig, um unterwegs Stimmung zu machen. Am 3. April 1849 überreicht Simson dem König die Wahl im Rittersaal des Berliner Schlosses.
Friedrich Wilhelms öffentliche Antwort ist geschliffen und ausweichend: Er könne keine Entscheidung ohne das Einverständnis aller deutschen Fürsten treffen. Faktisch: ein Nein. In einem privaten Brief an seinen Cousin Ernst August von Hannover ist er deutlicher – die Krone der Paulskirche sei „keine Krone, wohl aber ein Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolution von 48 ketten wolle."
Beim abendlichen Empfang beim Kronprinzen Wilhelm – dem späteren Kaiser Wilhelm I. – zeigt sich dennoch: Die Idee einer deutschen Einheit unter preußischer Führung ist in Berlin nicht ganz begraben. Wie es weitergeht,
erfahrt ihr in der nächsten Folge.
Personen dieser Folge
| Ludwig Uhland | Abgeordneter, linkes Zentrum; Dichter
| Friedrich Ludwig Jahn | Abgeordneter; Begründer der Turnbewegung
| Heinrich von Gagern | Reichsminister; Casino
| Eduard Simson | Präsident der Nationalversammlung
| Friedrich Wilhelm IV. | König von Preußen; Gewählter Kaiser
| Felix zu Schwarzenberg | Österreichischer Ministerpräsident
| Wilhelm I. | Kronprinz Preußens; späterer Kaiser
Ergänzung: Im Podcast offen geblieben – wo Karl Marx sich im Januar 1849 aufhielt: Er lebte und arbeitete zu diesem Zeitpunkt in Köln, wo er von Juni 1848 bis Mai 1849 die Neue Rheinische Zeitung herausgab.
Die drei großen Streitfragen des Frühjahrs 1849
1. Republik oder Monarchie?
Die Folge beginnt mit einer Rede des Abgeordneten Alexander Falk aus Schlesien, der die Debattenlage prägnant zusammenfasst: Republikanisches Prinzip, Partikularismus und konstitutionelle Monarchie stehen gegeneinander. Falk votiert klar für die Monarchie und macht deutlich, dass die Republik im Parlament keine Mehrheit finden wird.
Als Kontrapunkt steht die berühmte Rede Ludwig Uhlands vom 23. Januar 1849: kein Kaiserhaupt werde über Deutschland leuchten, das nicht „mit einem vollen Tropfen demokratischen Öls gesalbt" sei. Abgeordnete wie Friedrich Jakob Schütz aus Mainz (Teilnehmer am Frankfurter Wachensturm) appellieren an Volkssouveränität statt Fürstenherrschaft – und warnen, ein Kaiser nach dem Vorbild der französischen Julirevolution von 1830 bedeute, auf halbem Weg stehenzubleiben.
Für die Monarchie plädieren dagegen Friedrich Ludwig Jahn, Begründer des deutschen Turnens, mit einem vergnüglichen, wenn auch konfusen Auftritt – sowie Gustav Rümelin aus Nürtingen, der als einer der wenigen Süddeutschen offen für den preußischen Erbkaiser eintritt und es mit einem „Sturzbad kalten Wassers" vergleicht, an das man sich gewöhnen müsse.
2. Wer darf wählen?
Parallel zur Kaiserfrage debattiert die Versammlung das Reichswahlrecht. Konservative Juristen warnen vor der „Pöbelherrschaft" (Ochlokratie) und dem Vorbild Frankreichs, wo das allgemeine Wahlrecht den Aufstieg Napoleons III. begünstigt habe. Die Linke – etwa Karl Fucht – hält dagegen: Das vorliegende Wahlgesetz enthülle die „offizielle Lüge" des Konstitutionalismus; man wolle gar nicht mit der Mehrheit des Volkes regieren.
In erster Lesung beschließt die Versammlung mit knapper Mehrheit einen Negativkatalog: Vom Wahlrecht ausgeschlossen werden sollen u. a. Personen unter Vormundschaft, im Konkurs – und alle, die öffentliche Armenunterstützung beziehen.
3. Die erste Lesung: Knappe Abstimmungen
Am 19. Januar 1849 scheitert das Direktoriums-Modell deutlich. Der Grundsatzantrag, die Würde des Reichsoberhauptes einem regierenden deutschen Fürsten zu übertragen, passiert knapp mit 258 gegen 211 Stimmen – die Erblichkeit dieser Würde scheitert in erster Lesung noch mit 263 gegen 211 Stimmen. Eine sichere Mehrheit für das Erbkaisertum fehlt.
Der Deal, die zweite Lesung und die Kaiserwahl
Zwischen den Lesungen verhandeln Heinrich Simon (Westenthal) und Heinrich von Gagern (Casino, Reichsminister) einen Kompromiss: allgemeines Männerwahlrecht gegen Zustimmung zum Erbkaisertum mit suspensivem Veto. Zusätzlichen Druck erzeugt die Nachricht vom 4. März 1849: Fürst Schwarzenberg oktroyiert Österreich eine eigene Verfassung und besiegelt damit den Ausschluss der Habsburger aus dem künftigen deutschen Nationalstaat.
Am 27. März 1849 nimmt die Versammlung in zweiter Lesung §69 mit 279 gegen 255 und die Erblichkeit (§70) mit 267 gegen 263 Stimmen an – vier Stimmen Unterschied. Am 28. März wählen 290 abgegebene Stimmen einstimmig König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum deutschen Kaiser. 405 Abgeordnete unterzeichnen anschließend die Verfassungsurkunde auf Pergament – ein Original, das sich heute im Historischen Museum Frankfurt befindet.
Die Kaiserdeputation in Berlin – und das Nein
Eine Deputation von 32 Abgeordneten unter Eduard Simson, Präsident der Nationalversammlung, bricht am 30. März über den Rhein nach Berlin auf – bewusst auf dem langen Weg über Köln, Hannover und Braunschweig, um unterwegs Stimmung zu machen. Am 3. April 1849 überreicht Simson dem König die Wahl im Rittersaal des Berliner Schlosses.
Friedrich Wilhelms öffentliche Antwort ist geschliffen und ausweichend: Er könne keine Entscheidung ohne das Einverständnis aller deutschen Fürsten treffen. Faktisch: ein Nein. In einem privaten Brief an seinen Cousin Ernst August von Hannover ist er deutlicher – die Krone der Paulskirche sei „keine Krone, wohl aber ein Hundehalsband, mit dem man mich an die Revolution von 48 ketten wolle."
Beim abendlichen Empfang beim Kronprinzen Wilhelm – dem späteren Kaiser Wilhelm I. – zeigt sich dennoch: Die Idee einer deutschen Einheit unter preußischer Führung ist in Berlin nicht ganz begraben. Wie es weitergeht,
erfahrt ihr in der nächsten Folge.
Personen dieser Folge
| Ludwig Uhland | Abgeordneter, linkes Zentrum; Dichter
| Friedrich Ludwig Jahn | Abgeordneter; Begründer der Turnbewegung
| Heinrich von Gagern | Reichsminister; Casino
| Eduard Simson | Präsident der Nationalversammlung
| Friedrich Wilhelm IV. | König von Preußen; Gewählter Kaiser
| Felix zu Schwarzenberg | Österreichischer Ministerpräsident
| Wilhelm I. | Kronprinz Preußens; späterer Kaiser
Ergänzung: Im Podcast offen geblieben – wo Karl Marx sich im Januar 1849 aufhielt: Er lebte und arbeitete zu diesem Zeitpunkt in Köln, wo er von Juni 1848 bis Mai 1849 die Neue Rheinische Zeitung herausgab.
Weitere Folgen
FP10 - Österreich scheidet aus
24.10.2024 65 min
Nach langem Warten geht es in dieser Folge um die deutsche Einheit. Wir beleuchten die entscheidende Rolle, die Österreich dabei spielte. Die Frage, ob es ei...
FP09 - Polen ist verloren!
23.05.2024 91 min
Lange war Polen eine europäische Großmacht gewesen, bevor drei seiner Nachbarn innenpolitische Probleme ausnutzten um das Land unter sich aufzuteilen. Nach d...
FP08 - Louise Otto auf der Damengalerie
07.03.2024 99 min
Bei Flurfunk Geschichte haben wir eben die Trilogie zur Geschichte der Frauenbewegung abgeschlossen und nehmen das zum Anlass, auch hier den Frauen im Jahr 1...
Jetzt abonnieren
Reinhören auf
Apple Podcasts
Reinhören auf
Spotify
Reinhören auf
Deezer
Reinhören auf
Amazon Music
Reinhören auf
Audible
Reinhören auf
AntennaPod
Reinhören auf
ListenNotes
Reinhören auf
FYYD
Reinhören auf
Podcast.de
Reinhören auf
RSS-Feed
Anschauen auf
YouTube
Folgen auf
Facebook
Folgen auf
Twitter/X
Folgen auf
Instagram
Folgen auf
Threads
Feedback geben
Dir gefällt der Podcast und Du möchtest das mal loswerden? Du hast Tipps für neue Themen oder magst über den Inhalt bestimmter Folgen diskutieren? Dann wähle im Formular die jeweilige Episode aus und schreib uns eine Nachricht. Vielen Dank für Dein Feedback!